DFG-Forschergruppe Natur
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Teilprojekt 3: 'Natura' als kosmische und politische Ordnungsinstanz bei Alanus ab Insulis und in der lateinischen sowie volkssprachlichen Rezeption

Prof. Dr. Beate Kellner
mit Mercator-Fellow Prof. Dr. Frank Bezner (UC Berkeley, CA)

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Magdalena Butz, M.A. und Alexandra Urban
Wissenschaftliche Hilfskraft: Stephanie Eikerling, M.A.
Studentische Hilfskräfte: Kathleen Irion und Marilisa Reisert

Ziel des Projekts ist erstens, die Konstruktion und Funktion der 'Natura' als zentraler diskursiver und politisch-gesellschaftlicher Ordnungsinstanz in den poetischen Texten des Alanus ab Insulis (Alain de Lille) neu zu untersuchen und erstmals auf die ihr innewohnende Komplexität als philosophisch überformte, politisierte und literarisch konstruierte Größe transparent zu machen. Die Funktion Naturas im Rahmen einer kosmischen Ordnung, deren Verfall sie im Planctus beklagt und im Anticlaudian neu konstituiert, ist eng mit einem philosophisch-theologischen Modell verbunden, dessen eminent politische Dimension sich in beiden Werken in einer bislang nicht aufgearbeiteten politischen Bildsprache und Metaphorik niederschlägt. De planctu Naturae und Anticlaudian sollen im Projekt von daher in einem innovativen diskursgeschichtlichen Ansatz analysiert werden, der (a) die Verbindungen der beiden Werke zur zeitgenössischen Naturphilosophie im Umkreis der sog. 'Renaissance des 12. Jahrhunderts' neu beleuchtet; (b) erstmals die zeitgenössischen klerikalen literarischen und nicht-literarischen Diskurse über Liebe, Sexualität und Begehren als wichtigen Referenzraum aufweist; sowie (c) die in der bisherigen Forschung noch bei weitem zu wenig beachtete poetische Machart der Texte literaturwissenschaftlich untersucht. Zusammengenommen soll über die Verbindung dieser Perspektiven eine präzisere wissens- und literaturgeschichtliche Einordnung und damit Neupositionierung des Alanschen Werks und seines Naturkonzepts auch in seinen politischen Dimensionen erreicht werden. Vor diesem Hintergrund gilt es zweitens, sowohl die lateinische wie vor allem auch die deutschsprachige Rezeption der in ihrer Wirkung kaum zu überschätzenden poetischen Texte Alans neu zu betrachten. Dabei soll es weniger um das Nachzeichnen quellengeschichtlicher und traditionsgeschichtlicher Bezüge gehen, worauf in der älteren Forschung ein wichtiger Akzent lag, sondern vor allem um Fragen der konzeptuellen Verlagerungen, welche die Natura Alans und ihre politischen Dimensionen einerseits im gelehrt-lateinischen Bereich erfährt und andererseits in der deutschen Volkssprache.

'Natura' as cosmic and political concept in Alanus's ab Insulis poetic works and in the Latin and vernacular reception

The aim of this project is to analyse the concept and function of 'Natura' as a central discursive element for establishing a system of political order in Alanus's ab Insulis (Alain’s de Lille) literary works. To this purpose we develop an innovative approach situated at the intersections of philosophical thought, political and institutional contexts and literary analysis. As we will show through the (hitherto ignored) study of political metaphors and imagery, Natura's cosmic role and the overall decline she laments in the Planctus and attempts to undo in the Anticlaudian is an integral part of a consistent philosophical-theological conception of order. We therefore plan to analyse the De planctu Naturae and Anticlaudian via an innovative analysis of discourse that (a) brings to light the relationships between the two poetic works and the contemporary philosophy of nature in the context of the so-called "Renaissance of the 12th century", (b) demonstrates for the first time the relevance of the contemporary clerical literary and non-literary discourses on love, desire and sexuality for these poetic works, and (c) investigates the literary design of these texts: a question that has not received enough attention in past and current scholarship. By combining these perspectives we aim to create a more precise philosophical, literary, and historical understanding of Alan's poetic works and his concept of nature, including its political dimensions. Based on this first step, our second aim is to examine the Latin and the German vernacular reception of Alan's poetic works, which had an important impact on vernacular literature. Our main interest is not simply to describe the relationship between traditions and sources that has been studied in past scholarship, but to focus on the reinterpretation and negotiation of Alan's 'Natura' and its political dimensions in the learned Latin and German vernacular traditions.